Christoph Dönges, Leiter des Dematic Competence Center Logistics IT, erläutert Potenziale und Nutzen der RFID-Technologie in der Automatisierung.
Veröffentlicht: Aprilausgabe 2008 "RFID im Blick"
Herr Dönges, aktuell hat Dematic das „Dematic Asset Tracking System“ zur Erfassung und Kontrolle von Mehrwegtransport- behältern vorgestellt. Welchen Ansatz verfolgt die Lösung? Welche Anwender adressieren Sie?
Es liegt auf der Hand, dass mithilfe der RFID-Technologie letztlich alle Ereignisse bei dem Passieren von Kontrollpunkten automatisch aufgezeichnet werden können. Entscheidend ist der Nutzen, der dadurch entsteht. Transparente Abläufe erlauben eine genaue Überprüfung der Bestände an einzelnen Standorten. Auch Umlaufzeiten werden transparenter, jederzeit sind Informationen abrufbar, welcher Ladungsträger sich bei welchem Kunden befindet. So können die Nutzung und die Verfügbarkeit der Ladungsträger verbessert und die Umlaufzeiten reduziert werden. Gegebenenfallslässt sich dadurch auch der benötigte Bestand senken. Diese Nutzeneffekte sind natürlich für alle Anwender interessant, die über Mehrwegtransportbehälter verfügen. Wir adressieren dabei sowohl den einzelnen Anwender, der Behälter werksintern oder zwischen eigenen Werken austauscht als auch gesamte Netzwerke. Ein weiterer Aspekt ist das Reparaturmanagement. So kann die RFID-basierte Verfolgung einzelner Behälter zum Beispiel aufdecken, aus welcher Quelle häufiger defekte Behälter zurück kommen. Ist das erst einmal bekannt, lassen sich Gegenmaßnahmen einleiten und weitere Schäden reduzieren. Ebenfalls hat Dematic ein RTLS-System gelauncht.
Welchen Nutzen bieten Real-Time-Location-Lösungen für die Automatisierung intralogistischer Abläufe in Kombination mit anderen Automatisierungstechnologien?
Uns geht es darum, Such- und Transportzeiten zu verringern und gleichzeitig die freien Flächen in Blocklägern und Bereitstellzonen besser verwalten zu können. Seit Jahren unterstützen wir diese Aufgaben mit unseren Systemen zur Lager- verwaltung und Gabelstaplersteuerung. Mittlerweile sind zusätzlich Real-Time-Location-Systeme verfügbar, welche die Positionen von Gabelstaplern oderHandhubwagen palettengenau auflösen können. Zusammen mit dem Lagerverwaltungssystem lassen sich damit Paletten akkurat zu jeder Position im Lager verfolgen. Die typischen Schritte wie Scannen der Paletten oder der Lagerplätze werden automatisiert. Eine starre Lagerorganisation in fixierte Plätze und Zonen kann entfallen. Dies kann zum einen mit passiven Bodentranspondern realisiert werden, welche im Beton eingelassen sind und von RFID-Lesegeräten, die unterhalb des Gabelstaplers montiert sind, gelesen werden, und zum anderen mit der Ultra-Wideband-Technologie. Diese Technologie bietet mithilfe von aktiven Transpondern an Gabelstaplern oder Handhub- waren und Lesegeräten, die unter dem Hallendach montiert werden, die Möglichkeit, über die Position der Fahrzeuge mit einer Genauigkeit von bis zu 15 Zentimeter zu ermitteln. Beide Ansätze haben ihre Stärken und Schwächen. So stören Regale, die mit metallischen oder flüssigen Waren gefüllt sind die UWB-Systeme, während die Pflasterung großer Flächen mit Bodentranspondern zu einer aufwändigen Angelegenheit werden kann. Aus diesem Grund beraten wir unsere Kunden bei der Entscheidung für eine der Technologien ausführlich und empfehlen das den Anforderungen jeweils am besten entsprechende System. Der intralogistische Nutzen von Automatisierungslösungen rückt immer mehr in den Blickpunkt.
Inwieweit ist das Potenzial Ihrer Einschätzung nach bereits ausgeschöpft?
Das Potenzial ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Die Implementierung von RFID in intralogistischen Prozessen steht gerade erst am Anfang. Zwar nutzt man bereits seit mehr als 20 Jahren RFID zur Steuerung von Ladungsträgern in automatisierten Materialflusssystemen. Aber auch in diesem Bereich ist noch viel Potenzial vorhanden, vor allem aufgrund der stabilen und mittlerweile wesentlich preiswerteren Verfügbarkeit der Technologie. Bereiche wie das Asset-Management und Real Time Location-Systeme stehen erst am Anfang ihrer Verbreitung. Natürlich hat Automatisierung irgendwo ihre Grenzen. Nicht alles kann – und sollte auch gar nicht – automatisiert werden. Manuelle Prozesse sind unter Umständen der Automatisierung überlegen. Aber gerade die manuellen Konzepte können durch die RFID-Technologie optimiert werden.
Welche Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Zusammenspielunterschiedlicher Technologien zu?
werden. Da selbst eine vermeintlich geringe Fehlleistung erheblicheDiese Frage möchte ich am Beispiel Kommissionierung erläutern. In den letzten Jahren hat sich die sprachgeführte Kommissionierung stark verbreitet. Diese ist in der Tat vielen bisher angewendeten Techniken hinsichtlich der Flexibilität und Arbeitsergonomie überlegen. Nach wie vor kann es zu manuellen Fehlern kommen, welche durch die Kombination mit RFID-Technologie vermieden werden können. Etwa durch den Einsatz eines RFID-Handschuhs: bereits in dem Moment, in dem der Mitarbeiter ein Warenstück aus dem Regal nimmt, erhält er eine Bestätigung über das richtige Produktin der richtigen Stückzahl. So kann selbst eine bisher schon sehr genaue Kommissionierrate auf nahezu 100 Prozent verbessert Kosten in der Nachbearbeitung – und im schlimmsten Falle einen unzufriedenen Kunden – nach sich zieht, liegt der Nutzenauf der Hand.
Welche Anforderungen stellt die zunehmende Automatisierung an die ERP-Systeme und Middleware?
Das ist eine gute Frage. Allerdings sollte diese differenziert beantwortet werden. In den letzten Jahren hat sich eine Architektur herausgebildet, in der zwischen den Anwendungssystemen wie ERP- oder Lagerverwaltungssystemen und der Technologieschicht die Middleware vermittelt. Ich glaube, diese Architektur hat zur Zeit ihre Berechtigung, wird aber auf Dauer nicht übernommen werden. RFID-Reader werden immer leistungsfähiger. So können Softwareapplikationen wie Filterfunktionen und Schnittstellen zu mehreren Systemen direkt auf den Readern laufen. Auch die Applikationssysteme bringen mehr Funktionalitäten hinsichtlich der Eventverwaltung in Echtzeit mit. Die Middleware wird nicht mehr die eigentlichen Betriebsfunktionalitäten übernehmen, sondern zukünftig eher statische Aufgaben wie das Devicemanagement oder Monitoring. Die operativen Prozesse hingegen werden in enger Kooperation zwischen der Technologie und den Anwendungssystemen laufen. Dabei verhält sich die RFID-Technologie genauso wie Scanner und andere Sensorik auch. Gerade in der Verarbeitung von Echtzeit-Events – und insbesondere wenn auch eine Antwort in Echtzeit erwartet wird, ist jede Zwischenschicht in der Software eher störend. Auf dieser Erfahrung aus Jahrzehnten von automatisierten Materialflusssystemen beruht zum Beispiel das Konzept unseres Asset-Managers
Der RFID-Technologie wird eine zunehmende Reife bescheinigt. Würden Sie dieser Einschätzung folgen? Welche noch offenen Fragestellungen gilt es, Ihrer Ansicht nach, vorrangig noch zulösen?
Ich stimme der Einschätzung zu. Trotz dieser Reife ergeben sich neue Ideen und Anwendungen, wie es für eine junge Technologie üblich ist. Mittlerweile gibt es Applikationen, die mit RFIDsicher umzusetzen sind, beispielsweise die Chargenverfolgung in der Logistik. Im Bereich RTLS haben wir es mit neuen Technologien zu tun, die in ihrem Reifeprozess noch nicht so weit fortgeschritten sind. Es gilt, auch weiterhin dafür zu sorgen, dass diese Technologien sinnvollen Anwendungen zugeführt werden. Pilotprojekte setzen natürlich die Offenheit des Kunden und auch der Technologieanbieter voraus, sich neuen Ansätzen zu stellen. Ein wesentliches Thema ist nach wie vor die richtige Wahl des Transponders und die Position seiner Anbringung. In vielen Fällen ist das gar nicht so offensichtlich. Schon etliche Jahre wird die Frage diskutiert, ob Bierfässer mit RFID ausgestattet werden können. Lösungen für diese Applikation existieren, doch haben sie alle
ihre Schwachpunkte. Entweder werden die Identifikationsprozesse nicht wirklich einfacher oder die Technologiekosten sind zu hoch – manchmal leider auch beides. In dieser Applikation ist also noch Entwicklungsarbeit im Bereich der Basistechnologie gefordert. Das Potenzial von RFID, auch diese Probleme zu lösen, halte ich durchaus für gegeben. Wir als Systemintegrator bewegen uns in einem interessanten Spannungsfeld. Wir sind weder die Hersteller der Technologie noch Anwender. Wir zeigen die Lösungen, welche die Technologie bieten kann, auf. Die richtigen Parteien an einen Tisch zu bekommen, ist ein langwieriger und schwieriger Prozess, aber die Fortschritte rechtfertigen die Mühe.
Herr Dönges, „RFID im Blick“ dankt Ihnen für das Gespräch.
"Das Potenzial ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft"
