Im Interview erläutert Dominik Berger, Geschäftsführer von RF-iT Solutions, Aspekte und Voraussetzungen einer erfolgreichen RFID-Systemintegration. Aus aktuellem Anlass schildert er auch seine Meinung zu Informationslücken zwischen den Handlungsempfehlungen seitens der EU und den Erfahrungen in der Praxis.
Veröffentlicht: Maiausgabe 2008 "RFID im Blick"
Wie muss eine innovative Software heute konzipiert sein, um die offene Supply-Chain zu beherrschen?
Ein wichtiger Punkt ist die Skalierbarkeit, vom kleinen Projekt bis zum globalen Rollout sollte die Lösung alles abdecken können. Sie muss die Konfiguration und Softwareverteilung von einer zentralen Stelle beherrschen, unterschiedlichste Hardware weltweit integrieren sowie auch mit verschiedenen EDV-Systemen im Hintergrund umgehen können. Was zählt sind die Informationen, nicht die Daten. RFID kann maßgeblich helfen, aus Daten Informationen zu generieren. Obwohl häufig die RFID-Information auf Einzelobjekten gar nicht benötigt wird, gibt es Prozesse, bei denen genau diese Informationen den Mehrwert ergeben. Das Schöne an RFID ist, dass durch die Einzelobjektinformation eine genaue Information zur Verfügung steht. Die Aufgabe der Middleware liegt ganz klar darin, die Datenflut auszufiltern und die restlichen Informationen zu speichern, ohne das Warenwirtschaftssystem damit zu belasten.
Steckt die RFID-Technologie und die IT-Infrastruktur noch in den Kinderschuhen?
Nein! Dem stimme ich nicht zu. Die Technologie steckt keineswegs noch in den Kinderschuhen. Durch Funktionserweiterungen, beispielsweise größere Reichweiten, verbesserte Leseraten bei der Pulkerfassung und den Preisverfall, sind Anwendungen heute möglich, die vor drei Jahren nicht denkbar gewesen wären. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen. Immer mehr Anwendungsbereiche werden aus wirtschaftlicher und technologischer Sicht umsetzbar sein. Vor einigen Jahren habe ich für bestimmte Systemintegrationsprojekte einige Mann-Wochen benötigt. Heute sind ähnlich gelagerte Projekte in einigenTagen von unseren Partnern realisierbar. Das zeigt auch die Reife der Technologieplattform You-R OPEN.
Wie sieht es mit neuen Anwendungen aus?
Im Umfeld innovativer Prozesse gibt es natürlich immer wieder spezifische Aufgabenstellungen, die Fachwissen und Technologiekenntnisse erfordern. Beispielsweise im industriellen Umfeld sowie bei Unternehmen, die RFID in der Fertigungslinie einsetzen, teilweise sogar mit Sicherheitsfunktionalitäten zur Produktverifizierung. Es gibt auch viele Themen, im ersten Quartal 2008 stark bemerkbar, an die vorher nicht gedacht wurde. In der Fashionbranche gibt es klare Fortschritte. Hier kommt die Technologie verstärkt zum Einsatz. Warenkontrolle kostete früher viel Zeit, jetzt geht es automatisiert in wenigen Sekunden. Hundert Taschen beispielsweise können in wenigen Sekunden gescannt werden. So ein Vorgang ist mit Gen2 möglich, mit HF wäre das nicht möglich gewesen. Der Bereich Bibliotheken war früher kaum besetzt. Nun ist dies einer der Märkte, in dem die Chancen gut stehen, dass sich UHF auch durchsetzt. Der Systemintegrator muss also mit den Kunden die Prozesse umstellen. Auf einer Plattform ist das einfach umzusetzen, da zeigen sich die Vorteile und Stärken. Gerade in diesem Bereich haben wir Softwaremodule. Wenn der Integrator auf dem Handheld die Bestandsaufnahme realisieren möchte, greift er einfach auf ein fertiges Modul zurück.
Manche IT-Anbieter beklagen die Existenz zahlreicher Insellösungen. Kleinere Unternehmen benötigen individuelle Lösungen. Wie schätzen Sie diese Ansichten ein?
Wir haben Kunden in der Automobilindustrie, bei denen in der Fertigungsautomatisierung Insellösungen üblich und notwendig sind. Jede Lösung wird für sich von teilweise unterschiedlichen Parteien entwickelt und kann nur unter hohen Kosten am Leben erhalten werden. Nachdem in unterschiedlichen Projekten ein und dieselbe Plattform eingesetzt wird, kann die Effizienz gesteigert werden. Wenn einzelne Lösungen beispielsweise in ein SAP-System integriert werden müssen, verfügt die Middleware über Konnektoren, so dass diese Integration einfach möglich wird. Wir haben zum einen vorgefertigte Funktionalitäten und zum anderen kann die Lösung durch eigene Anpassungen sehr einfach erweitert werden.
Sind IT-Themen in der Vergangenheit zu sehr vernachlässigt worden?
Das sehe ich nicht so. RFID ist in der Vergangenheit eher im Zentrum von Piloten gesehen worden, bei denen durchaus Hardware-orientierte Themen im Vordergrund standen. Zudem lässt sich Hardware anfassen, Software nicht. Bei der Software ist die Oberfläche sichtbar, bei einigen Middleware-Komponenten noch nicht einmal das. Um die Leistung einer Middleware beurteilen zu können, brauche ich ein technisches Verständnis. Die Middleware ist schwerer zu begreifen. Die RFID-Daten werden verstärkt in IT-Landschaften integriert, so dass die Funktionsleistung der Middleware den Beteiligten schnell klar wird. Das Projekt bei Karstadt beispielsweise ist ohne Middleware oder ein Device-Management-Tool, mit dem ich die verschiedensten Identifikationspunkte überwachen sowie Softwareupdates von einem Punkt an alle Stationen senden kann, nicht möglich. Der Systemintegrator benötigt Werkzeuge, um das Projekt effizient managen und den Betrieb am Laufen halten zu können. Ein weiterer Punkt, der durch die UHF-Thematik entstanden ist, umfasst zusätzliche Filterthematiken. UHF hat teilweise recht beachtliche Reichweiten, so dass ich zu viele Objekte auf einmal auslese. Auf dieser Ebene benötigt man ganz klar Funktionalität, die im Bereich der Middleware angesiedelt ist.
Welche Anwendungsfelder und Branchen sehen Sie zukünftig?
Wenn ich mir den Tag-Kostenverfall in den letzten beiden Jahren ansehe, wird es realistischer, dass auf den verschiedensten Objekten ein Label zu finden sein wird. Ich glaube, dass Inventuren von Anlagen, die teilweise unvollständig oder gar nicht geführt werden, in Zukunft vollautomatisiert über Barcodescanner ablaufen. Zukünftige Prozesse liegen im Bereich der Produktsicherheit mit RFID, um die Echtheit eines Produktes zu verifizieren. RFID an sich ist nur eine Technologie, aber wir sehen sehr klar, dass überall durch den Technologieeinsatz auch neue Geschäftsmodellemöglich werden. Beispielsweise kann ein Hersteller eines Geräts und Verbrauchsmateriales das Gerät kostenfrei zur Verfügung stellen, nachdem er sicher ist, dass sein Verbrauchsmaterial mit dem Gerät funktioniert.
Nun eine ganz aktuelle Frage: Ein Artikel der im April abgeschlossenen EU-Konsultation schlug die kategorische Entfernung der RFID-Tags am Point of Sale vor. Wie stehen Sie dazu?
Bei den Projekten, die wir mit unseren Partnern begleiten, ist es Usus, entweder die Transponder abzunehmen oder zu deaktivieren, beispielsweise bei Karstadt. Von vornherein wurde die Lösung auf die verschärften Varianten abgestimmt. Es gibt aber auch andere Beispiele, bei denen das nicht der Fall ist. Dort wird nur auf Wunsch des Kunden der Tag deaktiviert, beispielsweise bei Kaufhof. In beiden Fällen kommt von Seiten der Endkunden überhaupt keine Beschwerde oder Kritik. Die Kampagnen, die bei den beiden Handelsunternehmen gestartet wurden, haben sehr positive Resonanzen hervorgerufen. Eine sehr offene und proaktive Kommunikation ergab lediglich zwei bis drei kritische Nachfragen. Wenn man diese geringe Rückläuferquote mit der immensen Reaktion der Branche auf solche Diskussionen vergleicht, ergibt sich ein starkes Gefälle. Die EU reflektiert die Erfahrungen nicht, die wir auf der Ebene der Konsumenten gemacht haben. Das Innovationspotential wird durch solche Aktionen natürlich empfindlich gestört.
Bitte kommentieren Sie die Themen EPC und ISO. Inwieweit finden Sie Standardisierungen sinnvoll? Wo besteht noch Handlungsbedarf?
Grundsätzlich halte ich die Standardisierung für sehr sinnvoll und wichtig, egal ob das jetzt ISO oder EPC ist. Vor allem für die RFID-Bereiche 'Zutritt' und 'Ticketing' spielt das eine entscheidende Rolle. Standards sind die Türöffner für ein Miteinander. Zukunftsträchtige Bereiche wie NFC werden den Bezahlvorgang stark vereinfachen, sind aber auf Standards angewiesen. Standards sind absolut wichtig und erlauben, dass sich gewisse Märkte erst entwickeln. Innerhalb des Standardisierungsrahmen können sich Unternehmen frei bewegen. Die Frage, inwieweit EPC gebraucht wird, ist durchaus
berechtigt. Auch wenn es eine reine Inhouse-Lösung ist, wird es trotzdem sinnvoll sein, auf Standards wie Gen2 zurückzugreifen. Ob die Nummer den EPC-Standards entspricht, muss jeder für sich entscheiden. Sinnvoll wird es, wenn die Prozesse die Unternehmensgrenzen überschreiten. EPC hat ihr Geschäftsmodell auf die Einnahmen über die Verkäufe der Codes ausgerichtet. Jemand, der den Code nicht nutzt, ist trotzdem Nutznießer des Gen2-Standards. EPCIS ist ein Thema der großen Organisationen, die dies als Produktvertreiben möchten, aber nicht für uns. In diesem Bereich ist noch völlig offen, wem die Daten gehören und wer sie einsehen darf. Vieles ist technisch möglich, wird aber aus firmenpolitischen Gründen nicht realisiert. Es wird immer Unternehmen geben, die ihre Daten nicht preisgeben wollen.
Ein Branchenfokus von RF-iT ist der Bereich Fashion: Bekleidung, Supply-Chain und Logistikprozesse im Shop. Weitere Schwerpunkte sind Automotive und Prozesse, die mit Asset-Identification zu tun haben, beispielsweise Anlageninventur oder Ortung von Autos oder Tankzügen. Auch in der Öl- und Gasindustrie haben RF-iT-Partner Projekte gestartet. Unser Modell, über Partner zu gehen, trägt Früchte. Im Bereich Pharma realisiert das Unternehmen Projekte nicht nur mit RFID, sondern auch mit dem 2-D Barcode, begünstigt durch die amerikanischeGesetzeslage.
Herr Berger, vielen Dank für das Gespräch.
Dominik Berger ist Mitbegründer und Geschäftsführervon RF-iT Solutions
Dominik.berger(at)rf-it-solutions.com
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