‚Keep it simple‘ kann laut Dr. Michael Groß die Zauberformel sein, um RFID-Projekte schnell funktionstüchtig zu machen. Im Interview mit „RFID im Blick“ schildert der Informatiker seine Erfahrungen, gibt Brancheneinblicke preis und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Marktstagnation und deren Ursachen geht.
‚Keep it simple‘ kann laut Dr. Michael Groß die Zauberformel sein, um RFID-Projekte schnell funktionstüchtig zu machen. Im Interview mit „RFID im Blick“ schildert der Informatiker seine Erfahrungen, gibt Brancheneinblicke preis und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Marktstagnation und deren Ursachen geht.
Veröffentlicht: Juniausgabe 2008 "RFID im Blick"
Herr Dr. Groß, in welchen Branchen sehen Sie derzeit die größte Relevanz für die Integration von RFID-Technologie? Auf welche Anfragen stoßen Sie konkret?
Es gibt drei große Bereiche. Erstens den Bereich Automotive. Das heißt, Fahrzeugteileidentifikation und Fahrzeugidentifikation sowohl in der Fertigung als auch im gesamten Life-Cycle der Fahrzeuge. In dieser Industrie forciert man, die Fahrzeugstücklisten beziehungsweise die Revisionsstände exakter nachzuvollziehen und bereits während der Fertigung zu protokollieren. Das ist ein sehr großer Bereich, in dem ich in den nächsten zwei bis drei Jahren sehr viele Projekte bei allen namhaften Automobilherstellern erwarte.
Die zweite Branche ist die Automatisierungsbranche. Fertigungsprozesse werden zunehmend durch Auto-ID-Technologien verschlankt beziehungsweise so automatisiert, dass die Qualität durchgängig gewährleistet werden kann und die Schnittstellen innerhalb der Prozesse verringert werden. Das bedeutet auch, dass die Prozesse in Herstellung und Konfektion über Unternehmensgrenzen hinweg integriert werden können. Der dritte Bereich ist der Handel und der ganze Bereich Textil und Distribution, der zunehmend von großen Projekten dominiert wird. Die entsprechenden Entscheider haben allerdings das Problem, dass die Komplexität, die damit verbunden ist, die Projektrealisierung sehr schwierig macht und häufig den Zeithorizont sehr weit nach hinten schiebt. In den ersten beiden Branchen können Projekte sehr viel zeitnaher realisiert werden und verfügen daher quasi über eine Ausstrahlwirkung auf die nachgelagerten Lieferketten. Die Logistik ist ein Querschnittsthema, das mit allen Branchen verbunden ist. Im Moment ist es absehbar, dass Märkte entstehen, da die Kunden zielgerichtet an der Effizienzsteigerung der logistischen Abläufe interessiert sind. Es geht also nicht mehr nur um die Erarbeitung von technologischen Machbarkeitsstudien.
Welche technologischen Herausforderung sehen Sie in Bezug auf die direkte Anbindung der Hardware an Softwaresysteme?
Die direkte Anbindung der Hardware stellt eine Herausforderung dar, da die Landschaft der Hersteller noch sehr heterogen ist. Das heißt, dass unterschiedliche Leistungsanforderungen auch unterschiedliche Lösungsansätze erfordern. Diese Ansätze führen dazu, dass Geräte in verschiedenster Art und Weise in die jeweilige Infrastruktur eingebunden werden müssen. Das ist aber keine neue Herausforderung. Bei jeder Maschinendatenerfassung und Peripheriegeräteanbindung in ERP-Systeme ist das notwendig. Ich sehe da eigentlich keine neue Qualität in der Anforderung, sondern nur eine Erweiterung hinsichtlich der Adapter, die notwendig sind, um RFID-Peripherien oder Auto-ID-Peripherien in bestehende Infrastrukturen einzubinden. Eines ist ganz klar. Eine Plug-and-Play-Lösung gibt es noch nicht. Man braucht mehrere Zwischenschichten, um die RFID-Technologie in die vorhandene Landschaft einzugliedern. Notwendig sind Adapter, um die Geräte überhaupt funktionstüchtig zu machen, dann braucht man eine Softwareschicht, die die Daten sinnvoll für nachgelagerte Systeme aufbereitet. Außerdem müssen die nachgelagerten Systeme an die neuen Daten und Prozesse angepasst werden, um diese Prozessabläufe abbilden zu können.
Stellt die Hardwareanbindung ein Hindernis für Unternehmen dar, die eine sehr schnell implementierbare Lösung suchen?
Sicherlich kann es einen Hinderungsgrund darstellen, wenn sich die Investition erhöht, da neue Schichten eingeführt werden müssen. Es ist eben nicht möglich, einen Reader hinzustellen ohne eine weitere Software zu integrieren. Die Investition geht über die reinen Hardware- und Transponderkosten hinaus. Das ist sicherlich ein Grund, warum Unternehmen zögern, RFID flächendeckend einzusetzen. Die gängigen Geräte sind alle mit Treibern für ebenfalls gängige Infrastrukturen ausgestattet. Das ist für die RFID-Peripherie in der einfachsten Form auch der Fall. Die Einbindung in eine Infrastruktur ist also problemlos machbar, allerdings nicht ohne das entsprechende Know-how und ohne die entsprechenden Konzeptionen, die vorab nötig sind. Das rein funktionsfähige Anbinden bedeutet noch nicht, dass die Geräte sinnvoll in die Infrastruktur integriert wurden.
Stichwort ‚Middleware‘: Wie schätzen Sie die Diskussion ein?
Die RFID-Peripherie liefert Daten, die erstmal sinnvoll aufbereitet werden müssen, damit sie unterschiedlichen Verarbeitungsschritten zugeführt werden können. Diese Funktion wird durch die Middleware wahrgenommen. Die Diskussion um das Thema „Middleware“ ist leider eher hinderlich geführt worden. Das System wird häufig als Black Box gesehen, die teilweise als übergroß, teilweise als sehr unbedeutend dargestellt wird. Je nach der Interessenlage desjenigen, der darüber redet. Dadurch wird eine Unsicherheit geschaffen. Dabei stellt die RFID-Middleware im Grunde genommen nichts anderes dar als die Softwareschicht, die wir bereits bei der Barcode-Technologie eingeführt haben. Man muss eine Software schaffen, die Teil eines bestehenden Systems sein kann oder auch eine gesonderte Software, um Daten so aufzubereiten, dass sie verarbeitbar sind. Je nach Komplexität der Lösung handelt es sich um eine größere Software-Lösung, also eine eigene Middleware, die auch betriebswirtschaftliche und prozessorientierte Aufgaben übernimmt, oder es handelt sich um die simple Weiterleitung von Daten von ein oder zwei Readern zu einem System. RFID muss nicht zwingend eine riesige Middleware-Lösung nach sich ziehen. Es reicht auch ein kleiner Adapter, der einfach in der Lage ist, Daten an ein System weiterzuschicken. Nicht in jedem Fall droht diese Datenflut, die immer wieder genannt wird. Da sind Reader auch in der Lage, intelligente Filter zu integrieren, so dass der Reader einen Teil von Middleware-Aufgaben in kleineren Anwendungen übernehmen kann. Der Anwender trifft die Entscheidung, ob er mit der Integration eines komplexen größeren Projektes beginnen möchte und auf der Basis von Skalierbarkeit entsprechende Erweiterungsschritte bereits einplant. Oder er wählt eine isolierte, dafür häufig besser handhabbare Lösung, bei der er mit überschaubaren Komponenten arbeiten kann.
Stichwort Middleware – Was muss der Anwender beachten?
Die Herausforderung an eine komplexe RFID-Lösung ist natürlich nur mit einer größeren RFID-Softwarelösung abbildbar. Die reine Funktion, Daten von RFID-Peripherie an nachgelagerte Systeme zu verschicken und von diesen zu empfangen, das ist meines Erachtens der kleinste Teil und auch der unspannendste Teil einer Middleware. Das bloße Weiterleiten der Daten ist nicht sehr aufwändig. Da steckt nicht viel Know-how dahinter. Meine Überzeugung ist, dass Middleware zukünftig über Unternehmens- und Systemgrenzen hinweg die Prozessvisualisierungen und das Monitoring übernehmen wird. Neben den reinen Datentransportaufgaben, die eine Middleware im Rahmen eines solchen Systems übernimmt, ist es unabdingbar, dass auch bestimmte betriebswirtschaftliche Regeln abgearbeitet werden, Filter darauf laufen und auch Schnittstellen zu nachgelagerten Assistenten- und Expertensystemen angeboten werden, die allerdings nicht mit allen Daten gefüttert werden dürfen, sondern nur mit ausgewählten Informationen. Das sind die zukünftigen Aufgaben der Middleware. Sie wird unterschiedlichste Anforderungen von nachgelagerten Systemen anhand von Regeln abbilden und eine Visualisierung in Echtzeit der Datenströme zur Verfügung stellen, um Prozesszustände sehr zeitnah sehen und darauf reagieren zu können. Die reine Verwaltung von RFID-Geräten ist sicherlich einTeil der Aufgaben von Middleware, dort werden sich aber nicht die Qualitäten einer Lösung entscheiden.
Wie bewerten Sie die Diskussion rund um das Thema EPC oder ISO-Standards?
Ich kann klar sagen, dass diese Frage in 90 Prozent unserer Projekte keine Rolle spielt. Letztendlich entscheiden das die Anwender. Ich finde, es ist an sich keine große Innovation, eine Produktnummer zu entwickeln. Da gibt es auch schon andere Standardisierungen. EPC selber halte ich im Moment eher für kontrapoduktiv, weil jeder darauf wartet, dass da irgendwas passiert. Diese ganz großen Standardisierungen werden getrieben von komplexen Projekten, die über eine Supply-Chain viele Partner integrieren wollen. Diese großen langfristig angelegten Projekte hemmen die Entscheidungskraft der Kunden für kleinere Lösungen. Der Anwender wartet ab, welche großen Standards sich durchsetzen und vergisst dabei, dass die Standardisierung nur ein Teilthema ist, das in der Lieferkette beachtet werden muss. Die Infrastrukturen sind beispielsweise durchaus in der Lage, verschiedene Standards zu integrieren. Der Löwenanteil der kommenden RFID-Projekte wird ohne diese Standards auf den Weg gebracht werden.
Welche Auswirkungen kann die Diskussion um Standards haben?
Meiner Einschätzung nach können die großen Player, die in diesen Standardisierungskomissionen mitarbeiten, mittels der Standards den Markt natürlich sehr gut einfrieren. Die Anwender warten auf den Standard und derjenige, der weltweit so einen
Standard implementieren kann, hat dann natürlich einen Marktvorteil. Er ist damit aber meilenweit entfernt von den tatsächlichen Anforderungen, die aktuell am Markt vorherrschen. Deswegen ist meine Überzeugung, dass sich das in einigen großen Lieferketten sicherlich umsetzen lässt. Ich hatte bereits von der Middleware gesprochen, die ja eine Abstraktionsebene zur Transponderebene darstellt, und EPC ist nun einmal die Kombination aus einer Transponderartikelnummer und dem Internet der Dinge, das im Hintergrund läuft. Dazwischen habe ich tausend Übersetzungsmöglichkeiten, um andere Systeme zu integrieren. Denn die Informationen, die im EPC abgelegt werden, sind relativ unspannend. Die sind in vielen Systemen vorhanden. Also kann jeder halbwegs intelligente Mapping-Mechanismus diese auch in den von EPC geforderten Formen abbilden. In Zukunft wird meines Erachtens nach auch die Integration von proprietären Systemen möglich sein. Wenn ein Standard nur dazu dient, um Organisationen am Leben zu erhalten, ist er kontraproduktiv. Die Technologie wird unnötigaufgebläht. Das führt zur Kostensteigerung.
Sie sagten, ‚Wir hätten heute schon weiter sein können.‘ Können Sie das näher erläutern?
Ganz eindeutig haben wir ein zwei Jahre verloren, da viele der Interessenten wie das Karnickel auf die Schlange auf die Standardentwicklunggeschaut haben. Und natürlich auch, weil die großen Gurus der RFID-Welt alle die Fahnen vom ‚Internet der Dinge und EPC‘ getragen haben, und dabei vergaßen, dass die Anwender noch drei Schritte zurückliegen. EPC und das Internet der Dinge können eine Komplexität in die RFID-Integration hineinbringen, welche die Realisierung verschieben kann. Was sich ja durchaus bei den erfolgreichenRFID-Projekten zeigt: ‚Keep it simple‘ ist nicht falsch. Besser‚ step by step‘, als dass Komplexität das ganze Projekt stoppt.
Dr. Michael Groß, Geschäftsführer Auto ID Systems
m.gross(at)autoid-systems.com
www.autoid-systems.com
Komplexität kann ein Projekt stoppen