Im Vorjahr ist die Zahl der RFID-Projekte im europäischen Textil- und Bekleidungssektor rasant angewachsen. Von Krise keine Spur, denn gerade in Zeiten wirtschaftlicher Flaute und sinkender Investitionsbereitschaft wird jeder Investment-Euro genau geprüft und besser in die Optimierung bewährter Strukturen als in neue Geschäftsideen investiert. Ein Blick auf unterschiedliche Projekte zeigt, welche Möglichkeiten RFID der Branche dazu bietet.
Veröffentlicht: Februarausgabe 2009 "RFID im Blick"
Das aktuelle Fashion-Barometer Deutschland lässt durchaus Raum für vorsichtigen Optimismus: 2008 hat für die Mehrzahl der befragten Unternehmen Umsatzzuwächse gebracht. Nicht nur die Bilanz des Weihnachtsgeschäfts lässt vermuten, dass die wirtschaftliche Realität vielleicht doch besser als die derzeitige Stimmung ist. Der Preis als alleiniges Verkaufsargument hat längst ausgedient und viele Unternehmen erkennen, dass in der Ausgestaltung der Leistung noch großes Potenzial liegt. Effizienz entlang der Supply-Chain ist das Stichwort, bei dem RFID eine zentrale Rolle spielt.
Kunden suchen Werte
Ausschlaggebend für den Kunden sind Werte und Vertrauen, wenn diese sich für Produkte und Marken entscheiden. Dazu zählen Faktoren wie Verlässlichkeit, Leistung, Prestige, Herkunft, Sicherheit oder Unverwechselbarkeit. Dieses Konsumentenverhalten kann unternehmensseitig nur durch einen Faktor unterstützt beziehungsweise genutzt werden: mithilfe einer Supply-Chain-Strategie, die ihren Fokus auf die Optimierung interner Strukturen und Mitarbeiterfähigkeiten setzt. Der Nutzen, den Hersteller und Händler durch die Einführung von RFID/EPC konkret erwarten, ist die bessere Steuerung der Warenflüsse, eine höhere Transparenz in der Lieferkette sowie ein effizienter Datenaustausch. Diese Vorteile münden in geringere Personalkosten und verkürzte Lieferzeiten, aber auch eine verbesserte Warensicherung und niedrige Warenbestände. Vor allem die niedrigen Warenbestände bei zumindest gleichem oder gesteigertem Umsatz sind im heutigen wirtschaftlichen Umfeld von hoher Bedeutung.
Lösungen auf individuellen Fall zugeschnitten
Für jeden unternehmensspezifischen Teilprozess der Supply-Chain - Produktion, Verteilung, Verkauf - lassen sich von Unternehmen individuelle Vorteile und Nutzen durch den RFID-Einsatz erzeugen. In der Zusammenarbeit der textilen Wertschöpfungskette sind diese Ziele außerdem noch durch übergreifende Prozessoptimierungen erweiterbar, die sich in Aspekten wie Schnelligkeit, Genauigkeit oder Transparenz bewerten lassen. „Wie und wo beginnen" - steht nach der Zielformulierung am Anfang der Umsetzung, wenn es um die Frage geht, wie ein RFID/EPC-Projekt zu implementieren ist. Sehr pragmatisch gilt hier: Erlaubt ist, was gefällt, solange es auf den individuellen Fall zugeschnitten ist. Egal ob ein Projekt mit einem oder mehreren Handelspartnern, in der unternehmensinternen Prozesskette oder für eine oder mehrere Warengruppen geplant wird, der optimale Ansatz ergibt sich aus den besonderen Anforderungen und Zielsetzungen im Unternehmen. Unabhängig davon erfordert eine einheitliche Prozesssteuerung mit RFID entlang der Supply-Chain sowohl die Verwendung gleicher Tools als auch identischer Standards.
RFID bei Karstadt holt Lieferanten an Board
Auf Lieferantenseite stehen die Sicherstellung eines permanenten und schnellen Warennachschubs sowie das frühzeitige Erkennen der Verkaufschance der Produkte im Mittelpunkt eines der wohl bekanntesten RFID-Projekte im Fashion-Segment. Karstadt konzentriert sich in der Düsseldorfer Filiale auf die Optimierung des Verkaufsprozesses und des Kundennutzen. Im Bereich Logistik zählt dazu die Beschleunigung und exakteres Kommissionieren sowie das schnellere Bearbeiten und Durchschleusen von Waren. Mithilfe von RFID erfasste „Echtzeitdaten" steuern die Warenversorgung und bieten maximale Transparenz der Lagerorte. Dass es dadurch kundenseitig zu mehr Zeit und Qualität in der Beratung kommt, weil Verkäufer beispielsweise von administrativen Tätigkeiten entlastet werden und die Warenverfügbarkeit am POS laufend gewährleistet ist, versteht sich praktisch von selbst. Zu den Highlights der Ergebnisse zählen unter anderem die Qualität der Leserate von mehr als 99,6 Prozent und weitere Auswertungen für mehr Transparenz zum Nachsortieren von Ware und Lagerorten.
Eine Beurteilung durch das Fraunhofer Institut bestätigte die erfolgreiche Integration von RFID in die Prozesse der Filiale, hohe Einsparungspotenziale und eine Wirtschaftlichkeit auf Basis von Kosteneinsparungen - wichtige Voraussetzung für einen Rollout. Die ersten zwei Lieferanten wurden bereits in den RFID-Prozess bei Karstadt eingebunden. Über ein eigenes Portal werden im Internet alle RFID-/EPC-Daten zur Verfügung gestellt.
In diesem Jahr plant Karstadt, RFID noch stärker in die Tagesarbeit der Filiale einzubinden und mit den Lieferanten zu integrieren. Dazu ist beispielsweise die Nutzung von RFID zur Steuerung der Retouren und des Umtauschs geplant, sodass Artikel wieder schneller verkaufsfähig sind. Eine Unterstützung und Steuerung der Flächenbewirtschaftung sowie der Einsatz der mobilen RFID-Erfassungsgeräte zur Artikelsuche und Preisveränderung stehen ebenfalls auf dem Programm. Ob und welche positiven Effekte durch Schnelligkeit und Transparenz erzielt werden können, soll durch die Analyse betriebswirtschaftlicher Kennzahlen erreicht werden.
RFID bei Northland legt Dieben das Handwerk
Seit Kurzem setzt Northland, Experte für Outdoor-Bekleidung und -Ausrüstung, auf RFID zur Sicherung seiner Waren. Der Hersteller von Extremsporttextilien hat im Grazer Shop zu Inventurzwecken bereits zu Jahresbeginn rund 1 300 verschiedene Outdoor-Produkte wie Jacken, Hosen, Pullover bis hin zu Rucksäcken und Thermoskannen mit RFID-Tags ausgestattet. Seit August kombinieren die Datenträger erstmals die Artikelinformation und eine Diebstahlsicherung auf einem Hang-Tag. Damit ist die Anwendung kostengünstiger als getrennte Systeme. Am Kassenbildschirm wird angezeigt, sobald ein Diebstahl auftritt. Dazu kann ein optischer oder akustischer Alarm am Gate ergänzt werden. Die RFID-Diebstahlsicherung meldet nicht nur, dass ein Produkt gestohlen wurde, sondern auch welches und zu welchem Zeitpunkt. Mit dieser Information kann besonderes Augenmerk auf diebstahlgefährdete Produktgruppen und Zeiten gelegt werden. Gleichzeitig können gestohlene Produkte sofort nachgeordert werden, um die Verfügbarkeit im Shop unverzüglich zu gewährleisten. Diese Installation ist die weltweit erste reine UHF EPC G2 Diebstahlschutz-Installation im Fashion-Segment. Die technischen Komponenten dieser Anwendungen stammen von den Unternehmen NXP (UHF-Chips und RFID-Gates), RF-iT Solutions (RFID-/AutoID-Middleware) sowie UPM Raflatac (UHF-Inlays).
RFID bei Seidensticker optimiert Logistik
Seit Kurzem setzt auch die deutsche Seidensticker Gruppe, Markenhersteller von Blusen und Hemden, auf die Vorteile von RFID. Die berührungslose Funktechnologie wird innerhalb der Seidensticker-Gruppe zur Unterstützung logistischer Prozesse eingesetzt. In das Projekt sind die Produktionsbetriebe in Asien und Osteuropa, die Vorkommissionierung in den Produktionsbetrieben und der Warenumschlag im Zentrallager eingebunden. In einem zweiten Schritt prüft Seidensticker, ob für das Unternehmen RFID zur Flächensteuerung im Handel geeignet ist. Erwartet wird neben der verbesserten Kostentransparenz die weitere Vereinfachungen im Ablauf und damit eine höhere Transparenz, vermehrte Bestandssicherheit und letztendlich auch eine verbesserte Kundenzufriedenheit.
Produktionssteuerung via RFID bei Van Laack
Der Anteil der Handarbeitszeit beträgt bei dem Hemdenhersteller Van Laack im Durchschnitt etwa 100 Minuten pro Stück. Während das Design und die Produktentwicklung in Deutschland erfolgen, wird in Ländern wie Tunesien oder Vietnam gefertigt. Der RFID-Einsatz bei der Identifizierung der Liegeware wird seit einigen Jahren getestet. Derzeit läuft die Identifizierung der Einzelteile über Barcodierung, mittelfristig ist die Umstellung auf RFID unter Nutzung des EPC-Codes zur Produktkennzeichnung geplant. Die Kombination des teileunabhängigen EAN-Codes aus der Barcodierung mit dem teileabhängigen EPC-Code würde eine lückenlose Nachvollziehbarkeit der Produkte gewährleisten. Mit der stufenweisen Einführung der RFID-Identifizierung soll in der Produktionssteuerung begonnen werden, da dort der größte Nachholbedarf im Bereich der Identifizierung geortet wurde: Derzeit werden auf rund 200 Arbeitsplätzen pro Produktionseinheit die Waren mithilfe manueller Listen manipuliert. Die Optimierung von Bestandskontrollen oder Durchlaufzeiten ist daher nur mit hohem Aufwand möglich. Mit RFID kann durch ein verbessertes Rückläufermanagement die Durchlaufzeit verbessert und Aufträge leichter vollständig abgewickelt werden. Gestartet wird nun die RFID-Implementierung mithilfe von You-R OPEN-basierenden Softwaremodulen in einer Produktionseinheit in der Fertigung in Tunesien. Jedes Produktionslos - bestehend aus mehreren einzelnen Zuschnittteilen - wird mit einem Mehrwegtag ausgestattet, um an zehn Identifikationspunkten berührungslos erfasst zu werden. Sobald aus den einzelnen Teilen ein fertiges Produkt entstanden ist, folgt die Kennzeichnung über Einwegtag zur Nachkontrolle entlang der Supply-Chain. In der Endausbaustufe beträgt das zu taggende Potenzial bei van Laack 1,3 Millionen Einzelteile in insgesamt neun Produktionseinheiten. Pro Einheit werden im Jahr rund 140 000 Produkte erzeugt, die für Einwegtags geeignet wären.
Sternjakob schützt Markenwerte mittels RFID
Vor drei Jahren hat Sternjakob, Hersteller der Schultaschen Scout und 4You, die Belieferung des Großhandels eingestellt. Vertriebspartner müssen sich verpflichten, die Markenartikel nicht ausschließlich über das Internet zu vertreiben. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Produkte im Internet von kommerziellen Händlern unter Pseudonym feilgeboten werden. So entstand 2007 die Idee, Funketiketten einzusetzen, um die Vertriebswege zu überwachen. Alle Produktserien der Marken Scout und 4You wurden mit Transpondern ausgestattet. Jeder der rund 400 000 Transponder besitzt bereits ab Werk eine eindeutige Nummer. In der chinesischen Produktionsstätte werden die Tags angebracht. In Deutschland wurden die sechs Packplätze bei der Versandstelle in Nürnberg und die sechs Packplätze in Frankenthal mit Antennen ausgestattet. Diese Packplätze sind Lösungsmodule der You-R Fashion-Lösung, welche als Betriebs- und Integrationsplatform You-R OPEN nutzt. Erst hier wird die Nummer des Datenträgers dieser Lieferung zugeordnet. Damit ist es später möglich, den Empfänger der Lieferung herauszufinden. Alle neuen Produktlinien der Marken Scout und 4You, die seit Oktober 2007 die Lager in Nürnberg und Frankenthal verlassen haben, können nun zurückverfolgt werden.
Ausblick
Die Vielzahl der Anwendungsmöglichkeiten zeigt, dass RFID nicht nur theoretische Lösungspotenziale eröffnet, sondern in unterschiedlichen praktischen Projekten erfolgreich die technische Machbarkeit mit ökonomischen Vorteilen verknüpft. Im Vergleich zu herkömmlichen Anwendungen wie etwa dem Barcode bietet RFID eine größere Effizienz und Transparenz. Künftige Anwendungen in der Fashion-Branche tendieren vermehrt in den Bereich der Flächenbewirtschaftung und werden den vertikalen Handel durchdringen, in dem Händler mit Eigenmarken auch für ihre Beschaffung und die Logistik selbst verantwortlich zeichnen. Sie sind in der Implementierung neuer Technologien flexibler und erreichen dadurch größere Schnelligkeit und Aktualität als der klassische Fachhandel. Mit einem raschen Wachstum der RFID-Anwendungen im Fashion-Sektor ist daher 2009 und den Folgejahren zu rechnen.

Dominik Berger ist Geschäftsführer von RF-iT Solutions.
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www.rf-it-solutions.com
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