Steigende Qualitätsanforderungen fördern Automation - Interview mit Dr. Harald Lossau, Dynamic Systems GmbH
Intralogistik ist nicht gleich Intralogistik. Vielmehr ist es wichtig zwischen innerbetrieblicher Produktionslogistik und der Distributionslogistik zu differenzieren. In beiden Fällen sind die Einführungsbedingungen für ein RFID-Projekt oft sehr komplex. Das zumindest weiß Dr. Harald Lossau, Geschäftsführer Marketing, Dynamic Systems. Dennoch wird sich RFID nach Ansicht des Experten langfristig als Standard-Tool in der Intralogistik, speziell in geschlossenen Prozessen, etablieren.
Wer ist der Treiber?
„Je komplexer eine Kette, desto komplexer ist auch die RFID-Einführung“, das weiß der Geschäftsführer aus langjähriger Erfahrung. „Gerade in der arbeitsteiligen Wirtschaft spielt die zwischenorganisatorische Ebene eine wichtige Rolle. Denn erst die Summe der Einzelnutzen macht den Gesamtnutzen aus: Wer ist der Treiber? Wie werden die Kosten aufgeteilt? Ist der Nutzer auch der Kostenträger? Diese Fragen stellen sich in offenen Lieferketten. In geschlossenen Prozessen wie der industriellen Produktion ist dies nicht der Fall.“
In welchen intralogistischen Prozessen empfehlen sich UHF-Systeme, wann bieten HF-Systeme Vorteile?
Ein hartes Kriterium ist ganz klar die benötigte Reichweite. Bei Lesedistanzen über einem Meter, sprich in der Extralogistik, ist UHF die bewährte Technologie. In der Intralogistik hat man eher die Wahl. In der Produktionslogistik, die eine Lokalisierung von hohen Durchlaufzahlen auf engem Raum erfordert, ist HF zuverlässiger. Klar definierte Bedingungen und ein definiertes Lesefeld erreicht man am Besten mit HF bei kleinen Abständen von unter 50 Zentimetern. Zudem ist bei HF die Materialabhängigkeit von Wasser oder Metall geringer. Weiter ist die Entscheidung zwischen HF und UHF auch eine Kostenfrage. Bei UHF sind standardisierte Inlays günstig zu haben, dafür sind die Lesegeräte im Allgemeinen teurer. Hier entscheidet dann der Tag-Preis die Wahl der Technologie.
Stichwort Pulkerfassung: Der neue HF-Gen2-Standard soll unter anderem die Pulkerfassung optimieren. Ein entsprechendes Tunnelgerät hat Dynamic Systems bereits auf der EURO ID in Köln vorgestellt...
Pulkerfassung wurde lange sehr offensiv als Vorteil von RFID „verkauft“. Hier ist allerdings eine gewisse Enttäuschung hinsichtlich der 100-prozentigen Erfassung eingetreten. Das andere Hindernis bei der Pulkerfassung ist das Verstimmen von Tags. Diese müssen von Metall abgeschirmt sein und dürfen nicht direkt aufeinander liegen, um sich nicht gegenseitig zu verstimmen.
Aber es gibt inzwischen Lösungen dafür und Fortschritte dahingehend, dass der Datenaustausch auch bei hohen Geschwindigkeiten funktioniert. Und auch die Antikollisonsmechanismen hat man inzwischen gut im Griff. Bei der Technologie gibt es verschiedene Ansätze. Die PJM-Technologie ist speziell darauf ausgelegt, gestapelte Tags und zuverlässig im Pulk zu lesen.
Für diese Anwendungen bieten wir einen PJM-Tunnel an. Da diese Technologie weniger verbreitet ist, bevorzugen manche Kunden den neuen HF-Gen2-Standard, der auf dem verbreiteten ISO 15693 aufbaut. Er ist von der Geschwindigkeit besser. Ein von uns entwickelter Tunnel ist technisch bereits auf diesen neuen Standard ausgerichtet. Die Chips sind jedoch noch nicht in den entsprechenden Stückzahlen vorhanden, um Massentests durchführen zu können.
Wie schätzen Sie die Potenziale des neuen Standards ein?
Wenn das Riesenmarktvolumen erwartet würde, würden die Chiphersteller natürlich die Entwicklung beschleunigen. Eine Branche, die sich einen Nutzen erhofft, ist die Pharmalogistik. Speziell bei der Erfassung kleiner Verpackungen wird ein zuverlässiges Auslesen großer Pulks bei beliebiger Orientierung gefordert. In vielen anderen Branchen spielen diese Kriterien jedoch gar keine Rolle. Und man kann auch nicht sagen, dass es mit der bisherigen Technologie nicht möglich war. Mit Einführung des HF-Gen2-Standards ist also kein Hockeystick-Effekt zu erwarten. Grundsätzlich denke ich, dass das Argument ‚Ich warte, weil...‘ meistens eine Ausrede ist. RFID ist technisch wesentlich ausgereifter als vor Jahren. Daher glaube ich, dass auf den Gesamtmarkt bezogen, die technischen Fragen nicht der Grund sind, warum RFID noch stockt.
Welche Gründe sehen Sie als Systemanbieter, der Projekte von der Planung bis zur Integration in die internen Prozesse begleitet, dass viele Potenziale von RFID-Systemen bisher ungenutzt bleiben?
Erst einmal ist die RFID-Einführung mit Investitionen verbunden. Dieses Jahr ist nicht gerade das Jahr der Investitionen, sondern eher des Sparens. Viele Unternehmen legen das Thema RFID auf Eis. Es ist akut nicht lebensnotwendig, schafft keine neuen Kunden, sondern eher in die Zukunft gerichtete Optimierungseffekte. Einen weiteren Grund sehe ich darin, dass die Komplexität teilweise unterschätzt wird. Als Anbieter von Barcode- und RFID-Lösungen stellen wir fest, dass ein RFID-Projekt oft schwieriger als die Einführung einer Barcode-Lösung ist. Der Entscheidungsprozess ist komplexer und erfordert einen höheren organisatorischen Aufwand. Oft handelt es sich um eine strategische Entscheidung, die auf der Managementebene gefällt wird.
Zudem ist der Beratungsaufwand höher in Bezug auf die Integration, weil mehr Abteilungen involviert sind, angefangen von der IT bis hin zum Marketing, wenn es um „Eingriffe“ am Produkt selbst geht. Die Projekte sind zudem oft kleiner und werden eher langfristig umgesetzt. Die Nachfrage sehe ich jedoch ungebrochen, die Anfragen werden konkreter und überzogene Preisvorstellungen sind einer realistischen Einschätzung gewichen. Daher gehe ich davon aus, dass sich RFID gerade in der Intralogistik weiter verbreiten wird und sich als Standard-Tool etabliert.
Herr Dr. Lossau, vielen Dank für das Gespräch.
Die Komplexität einer RFID-Lösung wird oft unterschätzt


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