Vier Berichte aus der Praxis
Von Steffi Kroll, Referentin Unternehmenskommunikation bei GS1 Germany GmbH
Radiofrequenztechnologie (RFID) und Mittelstand - vielen erschien dies bis vor Kurzem als ein Widerspruch. Die meisten Unternehmen fanden, dass sich die Technologie nicht rechnet. Vor zwei oder drei Jahren war das vielleicht der Fall. Aber heute zeigen selbst kleine und mittelständische Unternehmen, dass man Investitionen von 60 000 Euro und mehr nicht länger scheuen muss.
„Endlich ist unser Warenfluss im Lager unterbrechungsfrei“, lautet das Fazit von Helmut Jörg Scheren, Geschäftsführer von Scheren Logistik, zu seinem letzten Technologieprojekt. „Möglich wurde das durch den konsequenten Einsatz von EPC/RFID. Früher unterbrachen verschiedene Scanvorgänge unsere Prozesse. Heute werden die Paletten am Wareneingang und -ausgang automatisch erfasst.“
RFID im Lager bei Scheren Logistik
Scheren Logistik setzt seit 2008 die Radiofrequenztechnologie auf Basis des Elektronischen Produktcodes (EPC) mit dem Ziel ein, die Wareneingangs- und Warenausgangsprozesse sowie die Abläufe im Lager zu optimieren. Der Fullservice-Logistikdienstleister mit dem Schwerpunkt auf dem Gebiet Warehousing mit all seinen Zusatzdienstleistungen beschäftigt rund 150 Mitarbeiter, die vier Läger mit einer Kapazität von ungefähr 100 000 Palettenstellplätzen bewirtschaften.
Die Scheren Logistik setzte in ihrem Projekt bewusst auf den Elektronischen Produktcode EPC. Mit diesem Standard von GS1 stehen jetzt die Türen offen, RFID auch über die Grenze der eigenen Läger hinaus mit jedem beliebigen Geschäftspartner zu nutzen.
Insgesamt reduzierte das Unternehmen damit den Aufwand für die internen logistischen Abläufe um mehr als vier Stunden am Tag und erschloss sich damit ein Einsparpotenzial von rund 40 000 Euro pro Jahr. Doch Scheren hatte sich nicht nur wegen der finanziellen Vorteile für EPC/RFID entschieden. Wesentliches Argument für die neue Technologie war auch, dass Falschlieferungen und Verwechslungen nahezu vollständig ausgeschlossen sind. Außerdem können Warenströme jetzt in Echtzeit verfolgt werden. Informationen sind transparenter und die Bearbeitungszeiten von Aufträgen entsprechend geringer. Das bedeutet mehr Service für den Kunden.
Unterstützt wurde Scheren bei dem Vorhaben, RFID in der Intralogistik einzuführen, vom Projekt PROZEUS. Um für kleine und mittelere Unternehmen (KMU) den Einstieg ins eBusiness und die Nutzung von Standards möglichst leicht zu gestalten, führt GS1 Germany zusammen mit IW Consult seit 2003 das Projekt PROZEUS - PROZEsse Und Standards - durch. GS1 Germany ist bekannt durch Standards und Dienstleistungen rund um den Strichcode, IW Consult ist ein Tochterunternehmen des Instituts der deutschen Wirtschaft. PROZEUS wird gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und unterstützt KMU mit Praxisprojekten dabei, Standards im eigenen Unternehmen einzuführen. Die Ergebnisse dieser Praxisprojekte werden anschließend veröffentlicht. Über 70 Projekte wurden bisher durchgeführt, 60 weitere sind in den nächsten Jahren geplant.
Getaggte Chargen bei Algi
Auch das Unternehmen Algi Seifenfabrik, Hersteller von Haar und Körperpflegemitteln sowie Seifenprodukten, hat mithilfe von PROZEUS erfolgreich die RFID-Technologie eingeführt. Der Mittelständler aus Bayern will so Zulieferteile und eigene Produkte verschiedener Chargen eindeutig identifizieren, um den Materialfluss in seiner Produktion zu beschleunigen.
Beim Wareneingang beziehungsweise beim Zugang aus der Produktion erhält jede Charge ein RFID-Label, über das die Paletten bei allen folgenden Materialbewegungen identifiziert werden können. Verkaufsartikel werden ebenfalls chargengenau auf Paletten eingelagert, so dass das RFID-Label die Ware bis zur endgültigen Kommissionierung für den Verkauf begleitet.
„Mit der RFID-Technologie sparen wir beim eigentlichen Buchungsprozess circa 80 Prozent der Kosten gegenüber der bis dahin verwendeten papierbasierten Methode“, erläutert der Algi- Geschäftsführer Matthias Färber den Nutzen für sein Unternehmen.
Amortisationsdauer von neun Monaten
Frisch abgeschlossen hat das Unternehmen richter & heß Verpackungs- Service aus Chemnitz in Sachsen sein RFID-Projekt. Das Unternehmen mit gerade 32 Mitarbeitern hat den Umzug in eine neue Betriebsstätte genutzt, um sich technologisch auf den neuesten Stand zu bringen, und nutzt RFID künftig ähnlich wie Scheren in der Intralogistik. „Die Amortisationsdauer hat selbst uns überrascht“, so Holger Neuber, Geschäftsführer bei richter & heß. Nach knapp neun Monaten rechnete sich die Investition bereits.
RFID ist für immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen der Schlüssel, um Kosten signifikant zu senken, Prozesse zu vereinfachen und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Bei PROZEUS sind die ausgeschriebenen RFID-Praxisprojekte inzwischen immer die ersten, die besetzt werden können.
Den Stein ins Rollen brachte der mittelständische Fleischlieferant Krause Meat aus Lüneburg. Zusammen mit der REWE Group testete das Unternehmen schon 2007 EPC/RFID auf Transportbehältern. „Ich war überrascht, wie technisch ausgereift und einsetzbar die RFID-Technologie heute schon ist“, resümierte Betriebsleiter Bernd Kasprack.
Insgesamt neun RFID-Projekte hat PROZEUS bereits gefördert. Weitere acht sind gerade gestartet. „Wir haben 2009 mehr als doppelt so viele RFID-Praxisprojekte in PROZEUS gestartet, wie ursprünglich geplant“, beschreibt Jens Friedrich, Praxisprojektleiter bei GS1 Germany, den Ansturm. Viele Unternehmen stünden in den Startlöchern, seien aber dennoch dankbar für Unterstützung.
Noch vor wenigen Jahren hat sich der Mittelstand in erster Linie dem Druck der Großen gebeugt, wenn es darum ging, RFID einzusetzen. Heute hat er die Technologie für sich selbst entdeckt. RFID ist weder eine Frage der Größe noch der Branche. Logistik-, Kosmetik-, Elektrotechnik- oder Fleischbranche profitieren gleichermaßen von transparenten Warenflüssen und Schnelligkeit.
Mittelstand und Radiofrequenztechnologie, das schließt sich nicht aus, sondern entpuppt sich als wunderbare Symbiose.
Radiofrequency identification (RFID) and medium-sized companies - to some, a contradiction. Two or three years back, a lot of executives believed that investments in this technology wouldn’t be recouped. But today even small- and mediumsized companies do not shy away from investments of 60,000 Euro and up.
Logistics service provider Scheren Logistik from Düsseldorf used RFID to reduce the time needed for internal logistics by more than four hours per day. This equates to potential savings of about 40,000 Euro annually. Personal care product manufacturer Algi Seifenfabrik from Bavaria was also surprised:
“Thanks to the RFID technology, we’re saving about 80 percent of the costs of our booking processes”, commented CEO Matthias Färber.
Both of these companies have been supported by PROZEUS, an eBusiness initiative funded by the German Federal Ministry of Economics. To date, nine RFID projects have been realized with the help of PROZEUS, with another eight about to be launched. And many more companies have discovered RFID for themselves and are waiting in the starting blocks.
RFID is neither a question of company size nor of industrial sector. Each partner benefits equally from a transparent flow of goods and greatly improved reaction times."

GS1 Germany: Einblick in AutoID/RFID
